Also, meine Erwartungen hatten mir bei Zito ja ganz ordentlich ein Bein gestellt und mir, ihm und unserer Beziehung nicht besonders gut getan.
Als ich mich dann vor einigen Monaten entschied, Amira aus dem Bao En Temple Rescue zu mir zu nehmen, nahm ich mir
deshalb ganz fest vor, meine Erwartungen zurückzuschrauben, bzw. möglichst erwartungslos Amira hier willkommen zu heissen.
Aber unser Gehirn ist nicht ganz so einfach gepolt
Ich erwischte mich immer wieder bei Gedanken wie: Endlich wieder einen Hund,
der wie Balou mit anderen Hunden einfach auskommt... Ich möchte mit Amira soweit kommen, dass ich sie überall mitnehmen kann... Amira kann dann mit Balou kuscheln...
Also immer wieder Wünsche bzw. Erwartungen an diese kleine Pudeline, die ja noch gar nicht da war. Und immer wieder ploppten neue Erwartungen auf.
Der Unterschied zu meinen Starts mit Balou und Zito war jedoch, dass ich mir dessen
bewusst war. Ich konnte also immer wieder innerlich einen Schritt zurücktreten und loslassen.
Nicht einfach, aber es klappte doch ganz gut.
Dann kam sie, die süsse Zuckermaus. Ich habe immer wieder versucht, erwartungsfrei zu sein und ich denke, es ist mir mehrheitlich gelungen. Und das ist soooo eine
Erleichterung. Denn statt Druck
entsteht dadurch Neugier. Ich gehe nicht mit einer Erwartung (die dann enttäuscht werden könnte und mich dadurch ungeduldig macht) in eine Situation, sondern ich gehe mit
der Einstellung: Mal schauen, wie weit wir kommen. Mal schauen, wie es klappt. Mal schauen, was passiert.
Achtsam, damit die kleine Maus nicht überfordert wird, aber ohne den Druck der Erwartungen. Ein Beispiel: Wir durften Balous Platz in der Plauschgruppe übernehmen. Das ist eine sehr starke
Gruppe mit sehr tollen Hunden, die gaaaaanz viel können. Amira kenn noch kaum was. Sie weiss, wie sie heisst, hat einen recht gut funktionierenden Rückruf und kann Sitz... Wir wären also
weniger für die Spassgruppe geeignet, sondern eher für einen Grundlagenkurs... Vor ein paar
Jahren wäre mein Ehrgeiz uns zum Verhängnis geworden. Gedanken wie "Die anderen Hunde können das alles, nur meiner kann das nicht." hätten zu Wut, Enttäuschung, Ungeduld
geführt... Weder für mich noch für das Hundemädchen schön. Doch mittlerweile bin ich reifer, ruhiger und kenne mich. Mein Temperament möchte manchmal schon mal ausrufen, z.B. wenn die
Pudeline wie von der Tarantel gestochen an der gestrafften Leine um mich rumrennt (wie ein Pferd beim Longieren) und überhaupt nicht ansprechbar ist. Doch ich weiss: Sie will mich
nicht ärgern, sie kann noch nicht anders. Also kann ich - wie die anderen Teilnehmenden - über sie und ihre Lebensfreude, ihre Hüpfer und ihre Rennerei
lachen. Denn wenn ich
etwas erfahren habe, dann dass ich von meinen Hunden sehr viel lernen kann.
Balou hat mich zum positiven, kooperativen Training geführt, mir gezeigt, dass nur "zusammen arbeiten" eine Zukunft hat. Zito hat meine Trainerinnenfähigkeiten gestärkt und mir meine
Erwartungen und deren Konsequenzen aufgezeigt. Und Amira? Sie zeigt mir, dass ich das Leben nicht ganz so ernst nehmen muss. Das Mädel ist ein Vorbild: Mit vier Monaten auf der Strasse
aufgegriffen, erst in einen Shelter mit 10'000 Hunden gebracht, dann zu einer Pflegestelle mit einigen anderen Hunden, schliesslich ein laaanger Flug in ein völlig neues Zuhause, anderes
Klima, andere Geräusche und Umgebung, ein trauerndes Frauchen, das ihren Balou beweint... Und trotz ihrer Unsicherheit vielem gegenüber, ist sie ein fröhliches Hüpfehopfepudelchen, das mit
Schwung und Schalk mein Leben bereichert - und das ihre Erfahrungen machen kann - möglichst ohne meine erdrückenden Erwartungen. Und wisst ihr was? So macht es unheimlich Spass,
denn sie kann mich
nicht enttäuschen, solange ich nichts erwarte. Im Gegenteil: Sie erstaunt und erfreut mich und bereichert mein Leben
Und als Tüpfelchen auf dem i, bringt sie Zito tatsächlich
dazu, dass er mit ihr spielt 
Denn DAS hätte ich echt nie erwartet
