Erwartungen - Druck für alle

Ich habe bereits erwähnt, dass ich eine perfektionistische Ader habe. Das heisst, ich habe hohe Erwartungen, an mich, aber auch an meine Hunde. Balou durfte da viel ausbaden. Zum Glück hat er das recht unbeschadet überstanden...
Dann kam Zito. Eigentlich wollte ich einen Welpen. Den Züchter hatte ich bereits ausgewählt, der Kontakt stand. Es sah sehr gut aus. Und dann, am Dienstag nach Ostern im Jahr 2018 kam die Mail: Die Hündin hatte nicht aufgenommen - keine Welpen in Sicht. Für mich brach eine Welt zusammen, hatte ich doch jahrelang immer auf den passenden Wurf gewartet, mit einem idealen Züchter und einem Wurf gerade so, dass ich die Sommerferien für das Welpi würde einsetzen können. Am Mittwoch sah ich ein Inserat: Grosspudel sucht Zuhause. Ich schrieb mit der Besitzerin und da sie bereits Interessenten hatte, die am Freitag vorbeikommen würden, hatte ich nur eine Möglichkeit. Am Donnerstagmorgen fuhr ich mit Balou und meiner Mutter - die ich als "vernünftige Instanz" mitgenommen hatte - nach Rapperswil. Auf dem ganzen Weg redete meine Mutter auf mich ein: "Du sagst auf keinen Fall sofort zu. Du sagst, dass du eine Nacht darüber schlafen möchtest. Sei vernünftig." 
In Rapperswil machte die nette Dame den Kofferraum auf, öffnete eine Stoffbox und ein grauer Pudelbub schoss hinaus, stürmte auf uns zu und begrüsste uns begeistert. Meine Mutter sah mich an und meinte: "Gell, denn nehmen wir?" 😂So viel zur vernünftigen Instanz 🤣
Am Freitag wurde mir Grand Royal Zitano von der Silbermöwe (ja, so heisst der wirklich 😅) zur Probe gebracht. Am Samstag war für mich klar: Der bleibt. Am Montag war er auf meinen Namen registriert. Und ich freute mich auf den braven, verträglichen, gehorsamen Pudelbub, den ich kennengelernt hatte und der mit Balou spielen und kuscheln würde. In der Theorie... Das waren meine Erwartungen... Zu Beginn zeigte sich Zito auch genau so, wie ich ihn in den ersten Stunden kennengelernt hatte: Angepasst, sehr brav, ruhig, verträglich, ausgeglichen... Das dauerte ein paar Wochen und dann kam eine geballte Ladung Überraschungen...
Im positiven Training reden wir oft von "Crossover-Hunden". Damit sind Hunde gemeint, die "streng" und/oder aversiv trainiert bzw. erzogen wurden und dann positiv trainiert werden. Diese Hunde haben zu Beginn sehr oft das Gefühl, dass sie keine Grenzen mehr haben - ich meine, da klöpft es nicht mehr, wenn sie sich "daneben" benehmen. Im ersten Moment - und der Moment kann laaaaange dauern - überborden sie völlig. Bei Zito hiess das: Er griff mehrmals Balou an, schnappte nach den Katzen, rastete bereits in den ersten Minuten des Spazierganges wegen Krähen so aus, dass ich ein kreischendes, auf den Hinterbeinen stehendes Etwas an der Leine hatte, knurrte sooo viel (da bekam er den Spitznamen "Gewitterwölkchen") und trieb mich allgemein an meine Grenzen. Ich habe geweint, ich habe an mir und ihm gezweifelt, ich habe mehrmals überlegt, ihn wieder abzugeben... Und ich habe durch ihn meine Trainerinnenfähigkeiten verbessert, denn Zito war und ist manchmal heute noch eine Herausforderung. Alles, was ich mit Balou in der Trainerinnenausbildung gelernt hatte, konnte ich mit Zito auf einer tieferen Ebene üben und umsetzen. Doch je mehr ich meine Erwartungen loslassen konnte, desto mehr konnte ich mich auf ihn konzentrieren, auf seine Bedürfnisse, auf sein Training... Ich lernte ihn zu lesen und zu verstehen - und mein temperamentvolles Ich zu bändigen - meistens jedenfalls. 😆 Und ich lernte, kleine Schritte zu machen und auch winzige Fortschritte zu feiern... 
Ja, auch heute noch stehe ich manchmal am Wegrand und überlege, ob ich das Krausemonster nicht einfach am nächsten Baum anbinden und dort lassen soll, weil er wegen einer Krähe völlig die Contenance verliert. Auch heute noch rufe ich mal aus, wenn er wieder kreischend und jaulend im Wald in die Leine schiesst, weil er Wildgeruch wahrnimmt. Aber mittlerweile sind das nur noch ganz seltene Momente - denn mehrheitlich hat sich der Bub einfach super entwickelt. Er ist nicht perfekt - aber das ist ja ausser mir kaum jemand 🤪 Für MICH ist er perfekt: der perfekte Lehrer was Hundetraining angeht, der perfekte Lehrmeister was mich, meine Persönlichkeit und meine Erwartungen angeht... Und ich habe gelernt zu atmen. Dort zu stehen, während das Monster ausartet und zu atmen, bis ich ruhig genug bin, um ihm aus der Situation zu helfen...
Mit Balou hat sich das mit der Zeit dann auch normalisiert. Irgendwann fiel mir auf, dass der letzte Zusammenstoss der beiden schon mehrere Wochen her war, dann mehrere Monate und plötzlich waren die Spannungen weg. Besucher konnten beide Hunde gleichzeitig begrüssen, ohne dass ich managen musste und irgendwann konnte Balou Zito sogar ein Kaustängel wegnehmen, ohne dass es zu einer Keilerei kam. Im Gegenteil: Zito kam zu mir und verpetzte Balou, so dass ich die Sache regeln konnte.😀
Ganz ehrlich? Hätte ich meine Erwartungen nicht gehabt, dann wäre es für Zito vermutlich einfacher gewesen. Ich wäre zufriedener mit ihm gewesen. Ich hätte weniger Druck gehabt, er hätte weniger Druck gehabt. Und so bin ich stolz auf mich, dass wir es geschafft haben, uns zu so einem guten Team zu entwickeln. 
Und das nächste Mal berichte ich euch von Amira und wie ich dort wieder auf meine Erwartungshaltung gestossen bin