Das Schwierigste am Hundefrauchendasein ist für mich der Umgang mit meinen
eigenen Erwartungen. Balou könnte ein Liedchen davon singen. Er kam 2008 zu mir und ich wollte ihn mit dem Clicker erziehen, mit Belohungen... Dabei kam ich aber an meine
Grenzen - denn so einfach, wie ich dachte, war es dann doch nicht. Das Hintergrundwissen fehlte gewaltig und so klappte einiges nicht. Also verschwand der Clicker in der Schublade und wurde
zum "Hilfsmittel fürs Tricktraining". Für den Alltag ging ich auf die Suche nach anderen Wegen. So musste Balou vieles ertragen - zum einen, weil ich jeden Tipp wahllos befolgte (ich ging
immer davon aus, dass die netten Leutchen schon wüssten, was sie da erzählten
) und zum anderen, weil ich erst noch richtig aversiv arbeitete: Ich habe ihn auf
den Rücken geschmissen, mit Wasser bespritzt, angezischt, an der Leine geruckt und vieles mehr - ich war halt "Chef"
Zum Glück für ihn und für mich, war Balou ein echter Goldschatz und hatte einen sehr gefestigten Charakter. Er hat das alles ertragen und die Schäden hielten sich in Grenzen. Aber es gab sie,
diese Schäden: So hat er bis zum Schluss gezögert zu mir zu kommen, wenn er merkte, dass ich aufgeregt war. Denn eines ist nicht möglich: Den Hund für "Fehlverhalten" zu bestrafen und
gleichzeitig eine vertrauensvolle, enge Beziehung zu haben... Es ist entweder oder. Entweder, ich baue
auf eine vertrauensvolle Beziehung ODER ich strafe meinen Hund... Beides zusammen geht nicht.
Balou war also ein Goldschatz. Er hat die verschiedensten "Erziehungsmethoden" einfach mal ertragen, ein paar Tage lang mitgemacht und irgenwann rausgefunden, wie er mich überlisten und die
Methode aushebeln kann. Und zack - da rannte er wieder zum Bauernhof und ging miststockbaden, verfolgte seinen besten Freund, um mit ihm zu spielen, hüpfte über die Felder einer Katze
hinterher usw.
Und mir kam Dampf zu den Ohren raus, weil: Ein Hund muss verflixtnochmal
gefälligst gehorchen. Immer. In jeder Situation. Egal, was seine Bedürfnisse und Gefühle sind... Käme die frühere Kerstin heute zu mir ins Training, würde ich ihr sagen: Wenn du
hundertprozentigen Gehorsam willst, schaff dir ein Tamagotchi an - keinen Hund!
Irgendwann... Und das dauerte - und darauf bin ich überhaupt nicht stolz... Irgendwann... So nach der gefühlt hundertsten aversiven Erziehungsmethode fiel mir doch noch auf, dass es so nicht
weitergehen kann. Balou und ich
arbeiteten dauernd gegeneinander. Ich wählte eine neue Methode, machte mich einigermassen schlau, setzte sie um. Er erduldete, beobachtete und hebelte sie
aus.
Da entschied ich: Das will ich nicht mehr. Ich möchte MIT meinem Hund zusammenarbeiten. Ich möchte, dass Balou Spass hat, mit mir unterwegs zu sein, etwas zu lernen, sich an mir zu
orientieren. Ich möchte, dass Balou mir vertraut. Und dem Universum sei Dank, stiess ich endlich auf Hilfe: Damals in Form vom Internet. Ich kam zurück aufs Markertraining. Fand viele
Erklärungen, Videos, Hilfestellungen online und kämpfte Tag für Tag gegen mich selbst an. Denn auch wenn ich tief in mir wusste, dass dies der richtige Weg war, hatte ich immer noch oft den
Impuls, dem Pubertier einfach mal das Fell über die Ohren zu ziehen.
Und das ist auch heute für mich noch eine der Schwierigkeiten des Hundetrainings: Ich habe viel Wissen angesammelt, ich habe eine Ausbildung als Hundetrainerin gemacht, ich weiss, der Weg des
positiven Trainings entspricht meinen ethischen Grundsätzen. Aber mein Temperament ist da etwas anders gepolt 
Mein Temperament würde gerne mal ein wenig rumschreien, mit dem Fuss
aufstampfen, den Hund am Baum festbinden und weggehen, ihn verschenken... in gewissen Situationen. Vor allem Zito - aber das ist eine andere Geschichte.
Wichtig ist: Ich halte mein Temperament im Zaum. Ich arbeite an
MIR. Denn ICH habe das Problem, wenn ich nicht ruhig bleiben kann. Das zeigt MEINE Grenzen auf - als Trainerin und auch als Mensch.
Also tue ich in solchen Situationen das, was meine Mama mir meine ganze Kindheit lang immer wieder als Tipp gesagt hat (und ich schwöre, ich hätte auch sie dafür aussetzen oder verschenken
können
): Ich atme.
Tiiiiief ein.... tiiiiiief aus. Ich stehe da und atme. Bis ich wieder Herrin meiner Gefühle und Impulse bin. Dann entspanne ich die Situation und wenn alles wieder ruhiger ist, gehen wir
weiter. Gemeinsam. Und ich weiss danach, wo mein Schwachpunkt liegt, wo ich getriggert werde, was mich zur Weissglut bringt. Genau das zeigt
mir auf, woran ich arbeiten darf. Denn wenn mich das
so nervt, habe ICH ein Problem damit...
Und ja, auch mein Hund hat ein Problem, wenn er unerwünschtes Verhalten zeigt - aber das ist eine andere Baustelle. Denn ich kann erst dann mit ihm arbeiten, wenn ich einen kühlen Kopf
behalten kann...
